Faszien – unerklärliche Beschwerden
Wenn sich ein Patient vom Arzt untersuchen lässt, weil er Symptome hat, die sich anfühlen, als wäre ein Organ erkrankt und bei der Untersuchung nichts gefunden wird, stellt sich die Frage, woher die Symptome kommen. Es lohnt sich, die Antwort auf unerklärliche Beschwerden bei den Faszien zu suchen. Verspannte Faszien lösen mitunter so starke Symptome aus, dass man sie nicht mit der Muskulatur in Zusammenhang bringt.
Wenn der Arzt nichts findet
Der Arzt sucht in der Regel mit bildgebenden Verfahren nach strukturellen Veränderungen, beispielsweise nach einem Geschwür oder einem arthrotischen Knorpel. Wenn aber ein verspannter Muskel die Schmerzen verursacht, wird er nichts finden. Eine Verspannung kann er im Bild nicht sehen. Ein verspannter Muskel ist nämlich nur in seiner Funktion gestört, seine Struktur hat sich (noch) nicht verändert. Weil Bilder bei Untersuchungen heute eine zentrale Rolle spielen, haben wir funktionelle Störungen als Ursache für Schmerzen nicht so sehr im Blick.
So ist ein Muskel aufgebaut
Ein Muskel besteht aus vielen Fasern. Ihnen verdanken wir, dass wir uns bewegen können, denn sie können sich aktiv verkürzen. Der Raum zwischen den Fasern ist mit Bindegewebe ausgefüllt.
Jede Muskelfaser steckt in einer Bindegewebshülle. Mehrere Muskelfasern werden wiederum durch eine größere Bindegewebshülle zusammengefasst. Dieses sogenannte Primärbündel (auch Myon genannt) vereint sich am Ende zu einem Sehnenstrang. Es ist die kleinste Funktionseinheit im Muskel. So geht es weiter. Mehrere Primärbündel stecken in einer weiteren Hülle bis letztlich eine formgebende Bindegewebshülle den gesamten Muskel umgibt. Im Muskel wird das Bindegewebe Faszie genannt. Es sorgt für die Reißfestigkeit des Muskels.
Auch Faszien verkürzen sich
Vor nicht allzulanger Zeit glaubten Mediziner noch, dass sich Faszien, anders als die Muskelfasern, nicht zusammenziehen können. Aber sie tun es doch, wenn auch sehr langsam, nach bestimmten Ereignissen, um den Körper zu schützen.
- Bei einer Zerrung wollen Sie den Körper zusammenhalten.
- Bei einer Stauchung oder Prellung wollen sie den Körper mit einem Panzer schützen.
Wenn diese Reaktion zu stark ist, kann es passieren, dass sich die Spannung nicht mehr von alleine löst. Dann muss eine Faszientherapie das übernehmen. Und das funktioniert auch noch 20 Jahre oder länger nach dem Ereignis.
Interessanterweise nehmen wir uns selbst mit unserem eigenen Körpergefühl immer als aufrecht wahr. Wir bemerken unsere Fehlhaltung nicht. Thomas Hanna hat das sensomotorische Amnesie genannt. Das heißt, die Körperwahrnehmung und die Motorik (Bewegung und Steuerung) sind gestört. Die Reflexmuster, die dabei eine Rolle spielen habe ich unter „Fehlhaltungen erkennen“ beschrieben.
Wann können Faszien Schmerzen auslösen?
Auf der Seite "Fehlhaltungen erkennen" habe ich beschrieben, weshalb Muskeln bzw. Faszien sich verkürzen. Nun arbeiten Muskeln nicht isoliert sondern immer zusammen in langen Muskelketten. Ursache sind immer verkürzte Muskeln. Wenn der Schmerz bei Bewegung entsteht, finden wir die Schmerzen in der Muskelkette, die sich bei dieser Bewegung verlängern muss. Dabei zeigt sich der Schmerz selten dort, wo seine Ursache sitzt sondern im Verlauf der zugehörigen Muskelkette.
Der Schmerz ist nicht Ursache sondern ein Warnsignal des Körpers. Er will uns sagen: Ich kann diesen verspannten Muskelstrang nicht weiter verlängern. Gehe in dieser Bewegung nicht weiter, damit kein Muskelfaserriss entsteht.
Beispiel: Wenn ein Patient berichtet, er hätte beim Gehen auf der Treppe Schmerzen in den Beinen, dann frage ich: Sind die Schmerzen Treppauf oder Treppab stärker? Wären sie Treppab stärker, dann werde ich die vorderen Muskelketten lösen, weil sich diese treppab stark verlängern. Ist die Antwort Treppauf, dann behandle ich zunächst hinten.
Schmerzempfindliche Muskeln
Warum sind verspannte Muskeln schmerzempfindlicher als gesunde? Bei einer dauerhaften Verspannung der Muskeln verengen sich die Kapillaren innerhalb der Muskulatur. Dadurch ist die Sauerstoffversorgung eingeschränkt. Entzündungsprozesse können sich entwickeln. Der Stoffwechsel im Muskel ermüdet. Der Muskel hat zu wenig Energie. Er kann aber auch seine Stoffwechselendprodukte schlecht wieder los werden. Dazu gehört Milchsäure. Der Muskel übersäuert.
Beispiele aus meiner Praxis
- Das Lösen der Muskelansätze am Zwerchfell kann gegen Magenbeschwerden oder Sodbrennen helfen.
- Das Lösen der Faszien vom Sägezahnmuskel unterhalb der Achselhöhle hilft gegen Schmerzen im Arm (z. B. Tennisarm).
- Eine Faszienbehandlung des Psoasmuskels im Bauchraum entlastet den Rücken bei Schmerzen in der Lendenwirbelsäule.
- Das Lösen der Faszien hinten am Unterschenkel hilft gegen Schmerzen der Achillessehne oder vom Fersensporn.
- Haben sich Faszien in Folge einer Prellung verspannt oder durch eine Stauchung, z. B. beim Umknicken des Fußes im Bereich des Fußgelenkes, dann kann das Lösen der Faszien Wunder wirken. Folgen solcher Unfälle sind ausnahmsweise im Bereich des Symptoms zu behandeln.
- Der befürchtete Lungenkrebs erwies sich als Schmerz wegen verspannter Faszien. Hier zeigt sich: Wenn ein Patient die Ursache seiner Schmerzen nicht kennt, entwickelt er manchmal stärke Ängste. Ist die Ungewissheit geklärt, kann der Patient mit den Symptomen umgehen und etwas dagegen tun.