Fehlhaltungen erkennen – der erste Schritt gegen Schmerzen
Wenn Sie mal eine schlechte Haltung einnehmen, ist das nicht so schlimm. Schmerzen entwickeln sich aus langfristiger Wiederholung immer gleicher Bewegungsmuster. In der Regel ist uns nicht bewusst, wie wir bei der Arbeit vor dem Bildschirm sitzen, in welcher Haltung wir fernsehen oder das Handy bedienen. Aus solchen Angewohnheiten können sich Fehlhaltungen entwickeln. Wir werden steifer, die Beweglichkeit schränkt sich ein, Schmerzen tauchen auf.
Das alles geschieht unbewusst. Weitere Faktoren, die eine Rolle spielen, wie unwillkürliche Reflexmuster, beschreibe ich im Folgenden.
Wie entsteht eine Fehlhaltung?
Einseitige Bewegungsmuster schränken die Bewegung ein. Über einen längeren Zeitraum führt das zur Verspannung und Verkürzung einzelner Muskeln. Ohne dass wir es bemerken, verändert sich unsere Haltung. So entstehen Fehlhaltungen:
- Nach Prellungen, Zerrungen, Stauchungen können sich die Faszien in diesem Bereich zusammenziehen. Sie wollen den Körper schützen, indem sie einen Panzer bilden. Muskeln verkürzen sich. Ohne es zu merken, gehen wir mit unserer Haltung in die verkürzten Muskeln, weil das für uns weniger anstrengend ist. Im Laufe der Zeit nimmt die Muskelspannung zu und die Fehlhaltung wird größer. Wenn Sie dann eines Tages Schmerzen haben, wissen Sie nicht, woher die kommen. Häufig hat man das kleine Ereignis, z. B. dass man sich gestoßen hat, längst vergessen.
Das Schöne ist: Auch wenn eine Verspannung, die vor 20 Jahren entstanden ist, erst heute gelöst wird, lassen sich Schmerzen, die ihre Ursache in dem damaligen Ereignis haben, wieder auflösen. - Wenn längeres Stehen oder aufrechtes Sitzen für uns anstrengend ist, wenden wir unbewusst stabilisierende Strategien an, mit denen wir uns leichter aufrecht halten. Eine dieser Strategien nennt sich „am Ende der Bewegung“. Damit ist folgendes gemeint: Wir drücken zum Beispiel ständig die Knie nach hinten durch. Oder: Wir schieben das Becken vor, als würden wir uns vorne „anlehnen“. Das passiert, wenn unsere tiefe Muskulatur, die uns stabilisieren soll, zu schwach dazu ist. Mit solchen Haltungen sind wir nicht im Lot. Manche Muskeln geraten in eine Dauerspannung, die Schmerzsymptome auslösen kann.
- Es gibt unwillkürliche Reflexmuster, die mit bestimmten Gefühlen verbunden sind. Wer ständig unsicher ist, „macht sich klein“. Auf der körperlichen Ebene drückt sich das Gefühl des „klein machens“ durch dauerhaft angespannte Muskeln aus. Der Körper merkt sich diese Anspannung als den neuen Status Quo, als neuen „entspannten“ Zustand. Diese neuromuskulären, dauerhaften Anspannungen können wir irgendwann nicht mehr auflösen – weder bewusst noch unbewusst. Es hat sich eine „sensomotorische Amnesie“ entwickelt. So hat der Körpertherapeut Thomas Hanna diesen Zustand bezeichnet. Der Körper hat den Zugriff auf diese Muskeln verloren.
Thomas Hanna hat drei Reflexmuster beschrieben, die zu unterschiedlichen Haltungsmustern führen: Wenn wir zusammenzucken, weil wir uns erschrecken, entspricht das dem Muster des „sich klein machens“. Dieses Reflexmuster hat Thomas Hanna Stop-Reflex genannt. Es ist eine Schutzhaltung, mit der wir die verletzliche Vorderseite schützen wollen. Bei Menschen mit Rundrücken hat sie sich zu einer als entspannt empfundenen Normalhaltung entwickelt. Wir merken nicht mehr, dass manche Muskeln chronisch verspannt sind und wundern uns über die Schmerzen, die wir haben.
Der Start-Reflex ist unter anderem durch ein Hohlkreuz gekennzeichnet. Thomas Hanna sieht in ihm eine individuelle Stressreaktion auf anhaltende hohe Anforderungen. Es geht um Standhalten, Rückgrat beweisen. Ein Hohlkreuz als Teil einer Bewegung, wie beim Holzhacken, führt nicht zum Startmuster. Die Reflexmuster nach Hanna sind dauerhafte emotionale Reaktionen wie Abwehr, Kampf, Hochmut, Skepsis, Widerwillen.
Beim Trauma-Reflex zieht sich der Körper einseitig dort zusammen, wo wir uns verletzt haben (siehe Punkt 1).
Mit sensomotorischen Übungen nach Thomas Hanna können wir den verlorengegangenen Zugriff auf die Muskulatur wieder erlernen und uns langsam aus unserem Reflexmuster heraus trainieren (siehe auch unter „Individuell üben“). - Im Tagesablauf schleichen sich unglaublich viele Gewohnheiten ein, die zu Beschwerden führen können. Allein die tägliche Routine bei der Arbeit drängt uns die immer selben Bewegungsmuster auf, ohne dass uns das bewusst wird. Einige wenige Muster, die ich meinen Patienten bewusst machte: mit nach hinten gekipptem Becken im Hohlkreuz sitzen; mit eingezogenem Steißbein zusammengesunken Sitzen; beim Sitzen immer ein Bein auf der Sitzfläche ablegen; mit nach außen zeigenden Knien oder ständig im Schneidersitz sitzen; eine ungünstige Armhaltung beim Stricken; jeden Abend mit gedrehtem Kopf schräg vorm Fernseher sitzen ...
- Isolierte Bewegungen sind eine weitere ungünstige Gewohnheit für unseren Bewegungsapparat. Die anfangs erwähnte asiatische Glückskatze ist ein gutes Bild dafür: Ihr gesamter Körper ist starr; einzig ihr Schultergelenk bewegt sich. Wann bewegen wir uns wie die Glückskatze?
Wenn wir beim Staubsaugen nur die Arme bewegen. Für den Bewegungsapparat wäre es besser, wenn der ganze Körper mit den Saugbewegungen mitschwingt. Oder: Wir spannen in voller Konzentration unbemerkt und unnötig die Schultern an, weshalb wir allein aus den Armen heraus arbeiten (z. B. präzise etwas ausschneiden wollen). Oder: Wenn unser Beckenbereich steif geworden ist, bewegt sich beim Gehen unser Becken nicht mehr mit sondern nur noch die Beine.
Für unseren Bewegungsapparat ist es gesunder, wenn wir unseren gesamten Körper in die Bewegung integrieren. Das verbessert die Koordination zwischen allen Muskeln. Wir hätten eine bessere Kraftentfaltung bei allen Aktivitäten und körperliches Wohlbefinden.
Auf Fehlhaltungen reagiert der ganze Körper
Beispiel: Fehlstellung der Füße
Hat sich eine Fußstellung entwickelt, bei der die Vorderfüße zu weit nach außen stehen – sie also nicht parallel zueinander stehen sondern V-förmig auseinander – dann kippt das Becken nach hinten (sog. Entenpo). Damit sinkt die Muskelspannung in den Füßen. Es steigt die Tendenz zu Plattfüßen. Gleichzeitig ist eine freie Bewegung in den Hüftgelenken nicht mehr möglich. Die Folge ist ein Watschelgang. Auch auf den Oberkörper wirkt sich die Fehlstellung der Füße aus. Mit einem gekippten Becken gehen wir ins Hohlkreuz. Das wiederum zwingt uns in eine Ausgleichshaltung im Schulterbereich. Ein Rundrücken entsteht. Bliebe jetzt die Halswirbelsäule gestreckt, würden wir ständig auf den Boden sehen. Also passt sich auch der Hals an. Wir halten ihn stets in Verkürzung, um nach vorn sehen zu können. In einer aufrechten Haltung würden wir mit dieser Stellung der Halswirbelsäule in die Wolken gucken.
Da haben wir es wieder: Alles hängt mit allem zusammen.